"Ein Paradies(gärtlein)" von Cornelia Heier (Frankfurt)



Ein Paradies(gärtlein) * (siehe Ende des Textes) Als Flaneur*in ist man ja immer ganz nah dran, an den Orten, Nischen und Lücken. Man luhrt schon mal in den einen und anderen Hinterhof oder in kleine, dunkle Gassen hinein. Manchmal stinkt es nach allem, was der Mensch so von sich geben kann, manchmal entdeckt man lauter kleine Schönheiten und vor allem - kann man große Überraschungen entdecken, Paradiese. Ich spaziere also durch eine Gegend, die laut, dreckig und vermüllt ist. Biege irgendwann - fast angesogen - in einen schmalen Weg ein. Die Häuser rechts und links sind ziemlich vernachlässigt, schäbig und ein bisschen baufällig. Es zieht mich an ein altes Tor, aus Holzlatten, das eine Fensterluke in Augenhöhe hat. Ich will doch mal sehen, wie es da hinter aussieht: Es ist, als würde ich durch ein kaputtes Fernglas schauen. Es ist unscharf und alles ist sehr Blau – dunkelblau. Langsam wird es deutlicher vor meinen Augen und eine Art mikroskopischer Effekt entsteht. Aus dem tief Blau taucht so etwas wie - eine Insel hervor. Sie ist farbig und sie scheint belebt zu sein. Blau, rot und grün, weiß, ocker und rosé und ein strahlendes Gold leuchtet mir entgegen. Der tiefblaue Hintergrund wirkt wie die Unendlichkeit des Firmaments. Eine fließende Weite - um eine fliegende Insel. Die Konturen und Einzelheiten werden jetzt langsam sichtbar. Die Insel ist mit einer weißen Mauer, die im Rechteck liegt und mit Zinnen endet, begrenzt. Bunte Vögel spielen oder hocken auf der Mauer, manche Fliegen umher oder setzen zur Landung auf der Insel an. Spechte, Rotkehlchen, Meisen und andere Vögel zwitschern fröhlich um die Wette. Die Vögel verbinden die Weite mit der Insel - mit der Nähe. Sie fliegen Außen und Innen. Das Innen ist von der Sonne, die von irgendwoher scheint, hell und warm beleuchtet. Nun sehe ich noch mehr Details, ich erkenne Formen. Das ist irre - die Perspektive ist aufgelöst, als würde sie gar nicht existieren. Ich sehe einen Garten und kann ihn von oben und frontal betrachten. Hier blüht und wächst es, hier gedeihen Blumen, Sträucher und Kräuter aller Jahreszeiten in voller Pracht. Das Gärtlein ist belebt - ich sehe 8 Personen. Es wird gelesen, geerntet, es wird geschöpft, musiziert und die Leute unterhalten sich angeregt. Im Garten stehen verschiedene Bäume, manche mit Früchten, andere noch mit Blüten. In der Nähe der Mauer, ganz links an meinem Fensterrahmen, wächst ein Kirschbaum mit verschlungenem Stamm. Er trägt reife, volle Früchte. Oben hockt ein gelber Vogel, der wohl schon an den Kirschen genascht hat – das täte ich auch gerne. Unter dem Baum steht eine Frau in weißem Kleid, mit rotem Überhang und pflückt die Früchte und legt sie in einen aufwendig geflochtenen Korb zu ihren Füßen, der schon halb voll mit Kirschen ist. Neben dem Kirschbaum, ganz nah an der Mauer, steht ein Rosenstock in voller Blüte - ich erkenne sogar die einzelnen Dornen. Es ist, als würde ich den Duft einatmen und die Kirschpflückerin leise Summen hören. Ich folge meinem Fensterausschnitt links, nach oben. Entlang der Mauer bis hin zur Ecke wächst eine Blumenwiese mit einigen Stauden und kleinen weißen und blauen Blümchen. Ab der oberen Ecke - vor der Mauer - beginnt ein Hochbeet, das die gesamte, sichtbare Breite des Gartens einnimmt und dicht mit Blumen und Kräutern bewachsen ist. Hier blühen Marienröslein, Goldlack, Levkojen, Schwertlilien, Malven und viele verschieden Gräser. Zentral vor dem Hochbeet schaue ich auf einen 6eckigen Steintisch mit Säulenfuß. Ich kann mitten auf die Platte schauen - die Perspektive hat sich irgendwie von alleine geändert. Auf dem Tisch steht ein verzierter Becher, ein Teller mit Äpfeln gefüllt (einige sind für einen Imbiss bereits geschält und geschnitten). Wie zufällig liegt ein zarter, transparenter Spitzenläufer quer über dem Tisch, die hauchfeinen Fransen am Ende des Tuches bewegen sich im Luftzug tänzelnd hin und her. In der Mitte des Gartens - links vor dem Beet - sitzt eine Frau auf einem riesigen purpurrotem Kissen. Sie trägt eine gold-leuchtende Krone, deren Spitzen in floralem Gespinst enden. Die Krone hält die langen, feinen und sehr blonden Haare, die sich um ihre Schultern legen. Die Frau hält den Kopf leicht links geneigt und blättert mit ihren zierlichen Fingern in einem rot eingeschlagenen, dicken Buch. Sie lächelt mild und schaut fast verzückt auf die Seiten. Diese Schönheit ist in einen blauen Umhang gehüllt, der vorne offen, ein weißes Kleid zum Vorschein bringt. Zu ihren Füßen blühen Veilchen und Schlüsselblumen. Vor ihr auf der Wiese sitzt eine andere Frau, deren offene Haare mit einem Blütenkranz geschmückt sind. Sie trägt ein rotes langes Kleid, mit einem weißen Umhang und neigt sich liebevoll einem kleinen Kind zu, das auf einer Zither spielt. Sie hält das Instrument. Das kleine Kind zupft verträumt mit seinen winzigen Fingerchen die Saiten. Es trägt ein weißes Hemdchen, das mit einer Kordel und einem gelben Säckchen um die Hüften festgehalten wird. Die beiden sind umringt von Maiglöckchen, Margeriten und einem Pfingstrosenbusch, auf dem sich ein weißer Schmetterling niedergelassen hat. Es zirpt und summt und flattert und weht - die feinen Klänge verlieren sich in der lauen Luft. Mein Blick wandert an den linken unteren Rand meines Fensterrahmens und ich sehe- halb vor der Frau in rotem Kleid - eine weitere Frau, die aus einem Brunnen Wasser schöpft. Dazu benutzt sie eine güldene Kelle, die an der Wand des Troges befestigt ist. Ich schaue durch klares, sauberes Wasser bis auf den Grund, in dem helle Kiesel liegen. Die junge Frau trägt ein leichtes, blaues Kleid. Ein weißes Tuch liegt nachlässig, teils über ihren Haaren und ihrer Schulter. Der Wasserbehälter steht auf trockenem Kiesboden und ist von Feuchtblumen - Bachrunge und Wegerich umgeben. Am Rand ragt eine hölzerne Konstruktion hervor - vielleicht ist es eine Wasserrinne- auf deren Rand ein Vogel mit kräftigem Schnabel sitzt. Durch mein Fensterchen sehe ich die 4 Frauen alle mit etwas beschäftigt, sie lesen, ernten, schöpfen, musizieren, helfen. Das kleine Kind spielt vielleicht die Melodie dazu. Sie sprechen nicht miteinander, scheinen aber dennoch verbunden zu sein. Sie verrichten ihre Tätigkeiten kontemplativ. Wie ich sehe, hat das Treiben noch kein Ende - Auf der anderen Seite des Gartens unterhalten sich drei Männer unter einem Baum. Zwei sitzen einander zugewandt auf der Wiese - einer steht an den Baum gelehnt. Einer der Männer trägt eine Rüstung, aus der rote Puffärmel schauen. Das Schutzkleid ist mit Stickereien verziert und glänzt in der Sonne. Er trägt eine gelbe Kopfbedeckung mit schmalem Rand. Durch seine Rüstung sitzt er etwas steif, mit ausgestreckten Beinen, in der Wiese. Vor ihm sitzt ein Mann in blauem Gewand, goldenen Schuhen, blonden, gelockten Haaren und wie die Frauen auch trägt er eine feine, zierliche Krone. Eine Hand hält er - wie zum besseren Hören - an ein Ohr, er schaut interessiert, mit offenen Mund sein Gegenüber an. Aber dieser Mann hat noch etwas - er trägt nicht wie die Frauen einen Umhang, sondern hoch über seinen Kopf ragen Flügel. Es ist also ein Engel. Der Dritte, am Baum lehnende Mann ist schlicht in eine helle Strumpfhose und mit einem grauen, kurzen Cape gekleidet. Sein Gewand wird durch Tücher, die rot/golden schimmern, akzentuiert. Er ist mit dem Gesicht den anderen zugewandt und hört auch ganz gespannt zu. Umringt sind die drei von weißen Lilien. Auf dem obersten Ast des Baumes sitzt ein Vogel, der in die Ferne guckt. Zu Füßen des Engels - unter einem Erdbeerbusch – hockt, garstig und fies dreinblickend, ein brauner Affe. Seine Hände ruhen über Kreuz auf seinen Oberschenkeln. Er ist ebenfalls der Unterhaltung zugewandt, aber wirkt in seiner Haltung irgendwie geduckt – wie Gollum. Vor dieser Gruppe, zu Füßen des berüsteten Mannes, liegt auf dem Rücken ein kleiner, rundbäuchiger, grüner Drache – er hört dem Gespräch nicht zu - der Drache ist tot.

Zwischen Dreck und Müll habe ich, durch die alte Fensterluke, tatsächlich in das *„Paradiesgärtlein“ gesehen. Ein Unbekannter - vielleicht aus dem Oberrheinischen - hat mir meinen Spaziergang ganz unvorhergesehen versüßt. Da stehe ich jetzt vor der Luke, die nicht größer als 26,2 x 33,4 cm ist und habe in eine vergangene Zeit geschaut – in einen lebendigen, prachtvollen Garten in dem sich die Menschen friedlich, unterhalten und beschäftigen und doch ist nicht alles Eitelsonnenschein und paradiesisch... Ich bin verblüfft über das Paradies des Diesseits und den Zeitsprung von vielen Jahrhunderten, drehe mich vom Fenster ab und trete meinen Rückweg durch die runtergekommene Gegend an. Ich bin ganz fröhlich und verzückt, das Paradies ist mittendrin... Die Hoffnung ist versinnbildlicht.


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