Mein Paradies

 

Schon von klein an war ich sehr neugierig und beobachtete alles ganz genau. Ich erinnere mich daran, ich glaube es war in meinem ersten Jahr am Gymnasium, wie mich eine Frage nicht mehr losließ, nachdem eine Lehrerin mir gegenüber sehr aufmerksam gewesen war. Ich begann mich zu fragen, warum so viele Leute meine Familie so sehr respektierten. Um genau zu sein, jedes einzelne Mitglied meines Hauses. Ich konnte es nicht verstehen. Wir waren keine vermögende Familie, auch wenn wir nicht zu den Ärmsten im Dorf gehörten. Wir waren eine normale Mittelschichtfamilie. Aber ich war stets fasziniert von dem guten Umgang und dem Respekt, den uns die Leute aus unserem Umfeld zeigten. Diese Frage trug ich viele Jahre mit mir herum, bis zu jenem Tag im Jahr 2016, als ich nach Ruanda zurückkehrte, um mich von meiner Mutter – Gott hab sie selig – zu verabschieden. Endlich bekam ich die Antwort darauf.

Zur Beerdigung waren sehr, sehr viele Menschen gekommen. Ich bin mir sicher, dass noch mehr gekommen wären, wenn ihr Tod häufiger als das eine Mal im Radio verkündet worden wäre. Die Totenmesse fand bei mir zuhause statt. Eine ganze Reihe Priester und einige Nonnen waren dort, so dass jemand, der sie nicht gekannt hätte, niemals geglaubt hätte, dass eine ganz normale Frau gestorben war. Während der Zeremonie wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Mikrofon unter den Anwesenden herumgereicht, damit sie einige letzte Worte an meine Mutter richten konnten. Kurz bevor die erste Person mit Tränen in den Augen ihren Beitrag beendete, kam mir ein Bild in den Sinn. Ein Sonntagmorgen, an dem meine Mutter und ich zusammen zur Kirche gingen. Zu dem Zeitpunkt war ich etwa sieben Jahre alt. Mama hatte mal einen Stein beiseitegeschoben, dann machte sie das gleiche mit einem Ast, der mitten auf dem Weg lag. An jenem Tag fragte ich sie, warum sie dies getan hätte. Sie sagte mir, dass sie damit verhindern wolle, dass jemand, der gerade nicht aufpasse, stürze.

Die zweite Person, die vor lauter Schmerz kaum ein Wort hervorbrachte, weckte eine weitere Erinnerung in mir.

Fast alle meine Geschwister und ich unterhalten uns fröhlich in unserem Wohnzimmer, das Gelächter dringt durch die Wände. Ich war ungefähr 14 Jahre alt. Mama unterbrach für einen Moment die Unterhaltung, die sie gerade mit einer meiner Schwestern im Nebenzimmer führte, kam zu uns und bat uns, leiser zu lachen, damit wir nicht den Nachbarn störten, der vielleicht gerade mit leerem Magen schlafen gehen wollte und dem unser Gelächter nicht behagen könnte.

Auf der Beerdigung begannen einige Wassertropfen auf meinen Kopf zu fallen. Sie führten mich zu einer anderen Erinnerung an Mama. Dieses Mal ging es um eine psychisch kranke Frau, die ich in unserem Dorf vorher noch nie gesehen hatte. Eine Nachbarin hatte sie gerade aus ihrem Haus geworfen, draußen gewitterte und regnete es stark. Ich war gerade dort und rannte nach Hause, um Mama davon zu berichten. Kaum hatte sie die Nachricht gehört, schickte sie uns los, um die Unbekannte zu finden. Wir wohnten in der Nähe einer Grundschule und suchten sie dort als erstes. Zum Glück fanden wir sie schnell in einer der Toiletten. In dieser Nacht starben wir alle fast vor Angst vor dieser Frau, die uns ja auch etwas antun könnte, während wir schliefen. Mama betete sogar, damit Gott uns alle beschütze. Gottseidank wurde es Morgen und nichts war passiert. Am nächsten Tag begleitete einer meiner Brüder die Dame zur psychiatrischen Klinik in unserer Provinz.

Eine weitere Person, die ich vorher noch nie gesehen hatte, war gerade mitten in ihrem Beitrag. Sie erzählte von den Dingen, die Mama für sie getan hatte.

Und das erinnerte mich an ein weiteres Ereignis mit meiner Mutter.

Sie gab mir einige Kilo Bohnen und Erdnüsse, damit ich sie heimlich einem armen Nachbarn brächte, ohne dass meine großen Brüder und mein Vater es mitbekommen. Ich beschwerte mich bei ihr, dass wir wegen ihrer Großzügigkeit eines Tages noch vor Hunger sterben würden.

Die Stimme meiner Schwester, die gerade dran war, meiner Mutter einige Wort zu widmen, holte mich in die Gegenwart zurück. Obwohl die Ansprache meiner Schwester sehr bewegend war und fast alle, die ihr zuhörten, zum Weinen brachte, bewirkte sie bei mir, meiner Mutter erneut in der Vergangenheit  zu begegnen. Eines Tages, im Morgengrauen, stand ich auf, um ins Bad zu gehen. Am Eingang unseres großen Hauses stieß ich auf meine Mutter, die gerade zurückkam.

Ich erinnerte mich daran, dass ich mit ihr schimpfte, während ich ihr dabei half, den Wassereimer von ihrem Kopf runterzuwuchten, den sie einige Kilometer von unserem Haus entfernt gefüllt hatte. Vor dem Krieg hatten wir noch kein Wasser im Haus; niemand aus dem Dorf hatte einen Wasseranschluss, bis einige Jahre nach dem Krieg.

An diesem Tag antwortete sie mir, dass sie unter keinerlei Umständen eines ihrer Kinder einer Gefahr aussetzen würde, dass sie bereits ihre Jahre gelebt habe, dass sie aber genauso wenig in die Kirche gehen würde, ohne vorher geduscht zu haben. Die Nacht zuvor hatten wir alles Wasser bis auf den letzten Tropfen verbraucht. Sie stand immer sehr früh auf, um zur Messe zu gehen; die Kirche war sehr weit von unserem Zuhause entfernt und man gelangte dorthin nur zu Fuß.

Auf der Beerdigung konnte eine junge Frau ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und sie schrie vor Schmerz über den Tod meiner Mutter. Was mich betraf: Ich war damit beschäftigt, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu wandeln.

Ich erinnerte mich an die Zeit nach dem Krieg. Zu dem Zeitpunkt war ich neun Jahre alt. Zuhause waren lediglich Mama, meine ältere Schwester, mein kleiner Bruder und ich. Von einigen meiner Brüder wussten wir nicht, wo sie sich aufhielten, ob sie lebendig oder tot waren. In dem Dorf gab es nur noch sehr wenige Einwohner*innen. Die meisten hielten sich noch in ihren Verstecken auf wegen des Krieges. Wir selbst waren gerade erst vom Flüchtlingscamp in Gigonkoro zurückgekommen. Mama hatte das Leben dort nicht mehr ausgehalten und war mit ihren jüngsten Kindern zurückgekehrt.  

Einer der Dorfbewohner war ein merkwürdiger Mann, der unter den wenigen verbliebenen Menschen im Dorf dafür bekannt war, dass er die Häuser von Frauen und jungen Mädchen aufsuchte und sie missbrauchte. Einige verdächtigten ihn, AIDS zu haben und dass seine Mission sei, die Leute anzustecken, die nicht seiner Ethnie angehörten. Das war die erste Information, die sie uns bei unserer Ankunft mitteilten. Es dauerte nicht lange, und der berüchtigte Mann besuchte uns. Wir hatten ihn vorher noch nie gesehen, kannten aber bereits seinen Namen. Ich werde niemals vergessen, wie meine Mutter ihm gegenübertrat und ihm verbot, jemals wieder einen Fuß auf unsere Türschwelle zu setzen. Das war sehr mutig von meiner Mutter, denn zu dem Zeitpunkt hatte der Mann alles Recht, uns allen den Hals durchzuschneiden, ohne jegliche Reue und ohne dass ihm irgendjemand dafür ein Haar krümmen würde.

Obwohl Mama das alles wusste, brachte sie für mich und für meine Schwester allen Mut der Welt auf und sagte alles, was sie dachte. Danach beteten wir voller Angst und baten Gott um Hilfe. In den ersten Nächten konnte niemand von uns schlafen. Überraschenderweise betrat der Mann nie wieder unser Haus.

Es gibt eine Menge Anekdoten über meine Mutter; ich könnte eine nach der anderen erzählen und viele Seiten damit füllen. Einige davon prägten mein Leben und machten mich zu einer starken und mutigen Frau. Ich konnte nicht anders sein, als Tochter meiner Mutter, wie meine Brüder stets zu sagen pflegten.

Wir waren fast immer zusammen unterwegs und ich fühlte mich wie ihre Komplizin und ihre rechte Hand. Sie ist und bleibt meine Heldin und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein.

 

Nach der Zeremonie und nachdem ich jedes einzelne Erlebnis mit meiner Mutter erinnert hatte, begriff ich endlich, warum es so viel Respekt uns gegenüber gab.

Meine Mutter war eine außergewöhnliche Frau. Sie hatte nichts übrig, teilte jedoch das Wenige, das sie besaß, ohne zu unterscheiden, mit wem. Sie liebte ihre Kinder über alles und auf eine bedingungslose Art und Weise. Sie schuf nicht nur ein Paradies für mich, sie war mein Paradies. An jenem Tag sagte ich gegen Ende der Beerdigung zu meiner Schwester:

„Ich war noch nie auf einer so traurigen und zugleich so wunderschönen Beerdigung. Ohne jeden Zweifel wird Mama nun in Frieden ruhen. Das hat sie verdient.“

Wenn sie heute noch am Leben wäre und mich darum bitten würde, jetzt in diesem Moment mein Paradies zu schildern, frage ich mich, womit ich beginnen würde, schließlich hat sie mir beigebracht, mich in meine Mitmenschen hineinzuversetzen. Sie hätte bestimmt beharrlich weitergefragt und ich hätte ihr das Gleiche geantwortet, weil sie mir beigebracht hat, den Schmerz der anderen nachzuempfinden. Aber da ich sie gut kenne, weiß ich, dass sie immer noch nicht aufgegeben und mich ein drittes Mal darum gebeten hätte, ihr mein Paradies zu malen. So hätte ich schließlich mit meinen Errungenschaften begonnen, und mit einem breiten Lächeln hätte ich für sie meinen Sohn Elian gezeichnet, während ich mir die Freude in seinem Gesicht vorstelle, wenn er das Bild sieht und darauf die beiden Wörter liest: MEIN PARADIES.     

 

Übersetzung: Britt Weyde  

Leocadie Uyisenga