Kein Bilderbuch

Ein Bilderbuch. Das hätte es werden sollen. In jeder Zeichnung ein Stück Geschichte. Details, die immer wieder auftauchen. Details, die mehr und mehr verblassen.

 

Zwei Kinder stehen wackelig inmitten großer Erwachsenenbeine. Kindergartentaschen baumeln hoch oben an Kleiderhaken mit Namen und Tierbildern. Käfer. Ben. Immer mit Teddy. Er lächelt ein Mädchen an. Es strahlt aus dunklen Augen. Yara. Schmetterling.

Welten werden erobert. Deckengrotten erkundet. Tischtuchhöhlen erforscht. Düster und unheimlich. Schnell hinausgekrabbelt. Teddy auch.


Vom riesigen Muffin leuchten zwei Kerzen auf ein kleines Jungengesicht. Und auf das seiner Freundin neben ihm.


Käfer und Schmetterling wollen hoch hinaus. Turnkästengipfel werden bezwungen. Sprossenwände erklommen – bis in die Wolken. Jubel und Mattensprung. Teddy zuerst.


Drei große Kerzen auf dem dicken Kuchen im Wohnzimmer. Kinderbesuch bei Ben. Elternbesuch von Yara. Handabdrücke im Schokoguss.

Käfer und Schmetterling wachsen. Verwandeln sich. Wilde Kobolde sind sie nun. Tanzen und wirbeln und springen. Hip! Hop!

 

Vier Kerzen. Der Kuchen war auch schon mal größer. Schatzsuche, Stopptanz, Topfschlagen. Fritten mit Pommes, Yara mit Ketchupschnauzbart.


Verabredungen. Ben und Yara. Bäuchlings auf dem Boden. Ein Blatt. Ein Stift. Viele Bilder. Schere und Kleber. Tausend Schnipsel. Traumwelten werden erschaffen. Geschichten erzählt. Yara für Ben. Ben für Yara. Beide für Teddy.

 

Fünf kleine Kerzen. Ein Kuchen mit Ninjagesicht – aber wo ist Yara?

(Telefon? Keine Antwort.)


Ein Jungengesicht inmitten fülliger Erwachsenenbäuche. Am niedrigen Kleiderhaken mit Käfer baumelt sein Täschchen. Daneben ein leerer Haken mit Schmetterlingsbild.

Wo ist meine Yara? Höhlenerforscherin. Bergbezwingerin. Koboldtänzerin. Geschichtenerzählerin. Beste Freundin mit Ketchupschnauzbart.

(Handy? Keine Antwort.)


Ein Bilderbuch. Das hätte es werden sollen. In jeder Zeichnung ein Stück Geschichte. Details, die immer wieder auftauchen. Details, die mehr und mehr verblassen.


Im Kindergarten hockt eine Erwachsene wackelig vor Ben. Yara darf nicht mehr in Deutschland wohnen, erklärt sie. In der Nacht musste sie mit ihrer Familie abreisen. Sie hatte keine Zeit mehr, dir „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Weit entfernt von uns wird sie jetzt leben. So weit weg, dass wir sie nicht mehr sprechen können.

Leere. In Bildern. In Blicken. Kein Teddytrost.


Zuhause: Ben. Bäuchlings auf dem Boden. Ein Blatt. Ein Stift. Viele Fotos von Yara. Schere und Kleber. Erinnerungen werden festgehalten. Geschichten erzählt. Ben für Ben für Yara.

In einer anderen Welt: Yara. Bäuchlings auf dem Boden. Ein Blatt. Ein Stift. Viele Zeichnungen von Ben. Erinnerungen werden festgehalten. Geschichten erzählt. Yara für Yara für Ben.


Ein Bilderbuch hätte es werden sollen. Für meinen Sohn. Für Yara. Leider kann ich nicht zeichnen.

Text als Audio erschienen auf www.autorengruppe-faust.de/zuhoeren/

Nicol Goudarzi